Dienstag, 2. Januar 2018

[#mutzurnische] [Gedanken] Alltag mit Blindheit in Impure von Jeanne Winter

Mut zur Nische - Bücher abseits des Mainstream
#mutzurnische

Beitrag im Rahmen der Aktion #mutzurnische zum Buch Impure.

In unserer Aktion #mutzurnische geht es diesmal um den Roman Impure von Jeanne Winter. Vorgestern habt ihr bei Carmen Smorra ein Interview mit der Autorin gelesen (Achtung - der Link führt auf Facebook). Ich erzähle euch heute etwas zum blinden Alltag. Und am 4.1. geht es dann weiter bei Nadja Bickhardt, die sich Gedanken gemacht hat zum Thema Sind Engel immer gut und Dämonen immer böse? Meine eigene Rezension findet ihr hier. Desweiteren findet ihr Beiträge zum Thema Kirche und Asyl, von Sarah Trimagie, und (gefallene) Engel - Hierarchie in Himmel und Hölle (Stella Coral). Ihr seht, im Roman wird wirklich ein breites Themenspektrum behandelt, ich freue mich schon auf die Beiträge im Rahmen der Aktion #mutzurnische.


Im Roman Impure ist die Protagonistin Avery blind - genauer gesagt sehbehindert, da sie noch Hell-Dunkel-Kontraste wahrnehmen kann. In diesem Beitrag gehe ich darauf ein, wie Avery und blinde Personen allgemein im Alltag mit den speziellen Anforderungen umgehen, die sich aus ihrer Sehbehinderung ergeben. Wie gut und mit welchen Hilfsmitteln eine Person diese Anforderungen meistert, hängt natürlich auch damit zusammen, ob sie schon von Geburt blind/sehbehindert ist oder wie Avery durch einen Unfall blind/sehbehindert wurde. Avery lebt schon viele Jahre mit ihrer Sehbehinderung und kommt dementsprechend gut zurecht.




 Orientierung


Im Roman wird beschrieben, wie sich Avery orientiert. Vertraute Räume kennt Avery, sie kennt die Abmessungen, und weiß, wo etwas steht. Unterschiedliche Wohnbereiche haben verschiedene Untergründe, auch Leitlinien am Boden und den Wänden können helfen. Außerhalb der Wohnung orientiert sich Avery an: Entfernung, Untergrund, markante Punkte oder Geräuschquellen.

Der Weg war recht einfach. Man musste nur einen Fuß vor den anderen setzen, bis einem der prägnante Geruch des Komposthaufens in die Nase stieg. Dort bog man rechts ab und ging so lange weiter, bis die dumpfen Schritte, die die Steinplatten verursachten, durch das Aufknirschen von Kies abgelöst wurden. Und dann war man schon da. [Pos. 377]


Blindenstock und Blindenführhund sind Elemente, um den Nahbereich zu "sehen", ob sich z.B. Stolperfallen dort befinden, oder um einer Leitlinie zu folgen.
»Melody?« Die Hündin hörte sofort auf ihren Namen und war brav an Averys Seite, damit sie sie in das Café lotsen konnte.

Soviel zu der Romanfigur. Wie sieht das im echten Leben aus? Dazu hat sich meine gute Freundin Alex glücklicherweise bereiterklärt, hier ein paar Fragen zu beantworten:

Alex, wie orientierst du dich in unvertrautem Gelände?

Hi Dani. Also: Orientierung in unbekannter Umgebung ist unheimlich schwierig. Ich lauf dann meistens einfach drauf los, bin dabei sehr sehr vorsichtig und langsam. Aber das verlangt immens viel Konzentration. Meistens schaue ich dann, dass ich einen Fußgänger fragen kann. Blöd ist nur, wenn keiner da ist.


Du hast letztes Jahr am Projekt Proximity Hat mitgearbeitet, einem Hut, der seinem Träger über unterschiedliche Drücke Informationen über die Umgebung vermittelt. Gibt es noch ähnliche Forschungen aktuell?

Also, der Proximity Hat war ein Projekt am TECO, dem Institut für Telematik. Ich arbeite am FZI, dem Forschungszentrum Informatik, und dort haben wir gerade ein ähnliches Projekt, LidarSee.
LidarSee ist auch ein Headmounted Device, das Hindernisse per Laser detektiert. Momentan ist es so, dass der Laser auf dem Kopf die Umgebung vermisst und taktiles Feedback an einen Handschuh mit Vibrationsmotoren gibt. Wir haben den Prototyp optimiert und verkleinert. Noch steht wohl die Größe und das Gewicht einer Alltagsanwendung entgegen.
Ich selbst arbeite momentan aber nicht an LidarSee, sondern an anderen Projekten.


Im Video seht ihr Alex, die den Proximity Hat testet.

Alltag


Manches im Alltag läuft auch ganz normal, wenn man blind oder sehbehindert ist und manches erfordert doch mehr Aufwand.
Eine Kellnerin blieb hinter Avery stehen. »So, hier ist deine Milch mit Honig. Genau auf 14 Uhr«, flötete sie und platzierte das Glas auf den Tisch. [Pos. 181]

Fragen wir einen Experten:

Alex, worin liegt deiner Meinung nach im Alltag der größte Unterschied für blinde oder sehbehinderte Menschen im Vergleich zu sehenden? Bei welchen Tätigkeiten z.B. nutzt du bestimmte Hilfsmittel? Und welche Dinge unterscheiden sich nicht?


Das ist eine komplexe Frage, über die ich sehr sehr sehr lange nachdenken könnte. Aber ich will es kurz machen und nenn dir einfach nur mal ein paar Stichworte.

Offensichtlich ist, dass ich Informationen anders wahrnehme. Alles, was ich erfassen muss, muss ich anfassen oder hören können. Visuelle Reize fallen ja weg. Insofern verändert sich meine Wahrnehmung dahingehend, dass ich ziemlich gut darauf trainiert bin, Geräusche zu interpretieren. Beispielsweise kann ich hören, wenn ich an einer Mauer vorbei laufe. Ich muss diese dabei nicht unbedingt mit dem Stock berühren, aber weiß, dass neben mir ein Gebäude sein muss.

Dann ist da natürlich noch das Lesen, dass nur mit den Fingern oder als Hörbuch oder mit Sprachausgabe erledigt werden kann.

Eine der größten Unterschiede ist wahrscheinlich, dass ich vor allem Landschaften und Umgebung anders wahrnehme als ihr. Du läufst beispielsweise durch eine Stadt, siehst eine Straße, eine Kirche, ein Haus in einer auffälligen Farbe und orientierst dich anhand dieser größeren Dinge. Ich weiß zum Beispiel häufig nicht, wenn ich einen Weg normalerweise auf der rechten Straßenseite zurückläge, dass ich auf der linken Straßenseite eine Kirche oder so etwas befindet. Für mich sind viel mehr Dinge relevant, die ich mit dem Stock, den Ohren oder der Nase erfassen kann: Grünstreifen, Wiesen, Gärten, duftende Büsche und Blumen, lauter Geschäfte mit Registrierkassen, eine Absenkung im Boden, eine Glasfassade eines Gebäudes, an dem ich vorbei laufe, einen Stromhäuschen, Tiere auf einer Koppel, große Fahrradständer, eine laute Schule… Solche Dinge bekomme ich gut mit, die sind für mich auch relevant.

Zum Sortieren von Wäsche verwende ich einen Farberkennungsgerät, dass mir ansagt, welche Farbe ein Kleidungsstück hat. Und ich kann über eine Anwendung auf dem iPhone feststellen, ob ein Licht angeschaltet ist oder nicht. Es gibt außerdem eine Anwendung, mit der ich mich mit sehenden Helfern verbinden lassen kann. Wir führen dann ein Video –Telefonat, und ich zeige dem Helfer, was ich wissen möchte, zum Beispiel welches Muster eine Bluse hat oder so. Der Helfer kann mich dann aus der Ferne informieren, und ich weiß Bescheid. Dabei habe ich das gute Gefühl, dass ich nur Leute gefragt habe, die auch wirklich helfen wollen. Der Dienst ist für sehende Nutzer und blinde Nutzer gleichermaßen attraktiv, finde ich. Als blinder bekommt man kostenlose Hilfe, sehende haben die Möglichkeit, schnell und unverbindlich etwas Gutes zu tun, wenn sie wollen. Mehr fällt mir gerade spontan nicht ein. Falls du noch Fragen hast, frag einfach.

Vielen Dank, Alex!


Kommentare:

  1. Liebe Daniele,

    herzlichen Dank für diesen Beitrag, den ich total gerne gelesen habe! Das ist ein wichtiges Thema. Ich finde es sehr spannend, wie sehbehinderte und blinde Menschen ihren Alltag so gut meistern, egal mit oder ohne Hilfsmittel. Und es freut mich zu hören, dass es immer mehr und mehr geniale Hilfsmittel gibt, die den Alltag selbständiger bewältigen lassen.

    Ich habe den Blog von Kerstin entdeckt. Sie war sehend und erblindete plötzlich und erzählt auf ihrem Blog von den schönen, hellen und dunklen Stunden und Momenten in ihrem Leben. Sehr schön und berührend. Vielleicht wird er dir auch gefallen. Auf Facebook kann man ihr auch folgen und dort postet sie auch hin und wieder Videos aus ihrem Leben, wie z.B. wie sie bügelt, backt ... Ich bin fasziniert, was ein blinder Mensch noch alles machen kann!

    GlG vom monerl

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    1. Hallo monerl,

      ja, ich denke, für einen sehenden Menschen ist es immer faszinierend, wie man zurechtkommt, auch ohne zu sehen; das kann man sich ja meist nicht gut vorstellen, wenn man keine Berührungspunkte hat.

      Und danke für den Linktipp!

      Grüße
      Daniela

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  2. Hallo Daniela,

    vielen lieben Dank für deinen Bericht über Impure. Ich hab voller Spannung das Interview mit Alex gelesen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie Menschen mit so einer erheblichen Einschränkung ihr Leben meistern. Davor habe ich den größten Respekt. Alex, Hut ab vor dir!

    Ganz liebe Grüße,
    Jeanne

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    1. Hallo liebe Jeanne,
      wie schön, dass du als Autorin unsere #MutzurNische-Aktion so begleitest, das finde ich wirklich schön an dieser "Zeit der Buchblogger" - die Autoren sind greifbar, die Themen auch, der Austausch untereinander...
      LG, Daniela

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    2. ... wobei ich Blindheit jetzt zwar als Einschränkung sehe, aber nicht als erhebliche Einschränkung; das klingt so, als müsste man Superman sein, um mit einer Blindheit oder einer anderen Behinderung klar zu kommen. Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen, und vieles kompensieren; und das ist für mich persönlich vielleicht das größte "Wunder", der menschliche Erfindungsgeist. Das gilt auch genauso für alle Arten von Schmerz und Leid, denen man so im Verlauf des Lebens ausgesetzt ist.

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